------------------------------------------------------------
Sie warten gerade auf die S-Bahn

(von Holger Müller, 1. März 2004)

Geht es Ihnen auch manchmal so? Sie gehen an einem Schaufenster vorbei, betrachten sich und fragen sich, ob Sie das wirklich sind. Die Gestik, die Haltung, der Schritt? Alles das hat kaum etwas mit dem Bild zu tun, das Sie selbst von sich haben. Das Gesicht ist Ihnen nur vage bekannt. Jemand, den Sie morgens kurz sehen, der Ihnen dann aus den Gedanken verschwindet und kaum noch Platz darin einnimmt. So sitze ich gerade in der S-Bahn. Aus den Augenwinkeln betrachte ich verstohlen mein Spiegelbild, das auf dem Nebengleis fährt. Es scheint ihm genauso zu gehen. Es schaut mich nicht wirklich an. Ich komme mir manchmal so unbekannt vor, dass ich einen vermeintlichen Doppelgänger auf der Straße nicht erkennen würde. Ich sehe genauer hin. Das Fenster macht mich alt. Das graue Haar wirkt dünner. Ich hatte mich jünger in Erinnerung. Mein Zwilling scheint sich zu fragen, was sich unter dem dunklen Anzug versteckt, dem weißen Hemd, der dunkelblauen Krawatte? Ein Bankangestellter, ein Manager, ein Schwindler? 
Dass ich so aussehe, ist vielleicht nur Tarnung vor meinem Ruhestand. 

Die Bahn hält. Wie oft bin ich hier wohl schon entlang gefahren? Und doch schaue ich immer wieder irritiert nach dem Namen der Station. 
Manche sehen so gleich aus. Angefangen bei den Bänken, den Automaten bis zu den Werbetafeln. 'Sie warten gerade auf die S-Bahn', steht auf einer. Weißer Hintergrund, die Schrift beginnt schwarz und wird immer blasser. Dann verschwindet die Anzeige aus dem Fenster. Mein Spiegelbild liest interessiert Zeitung. Also lese ich auch. 
Wieder wurde ein vermisstes Kind tot aufgefunden. Ein offenes, schönes Gesicht lacht aus einer besseren Zeit unter der Schlagzeile. Ein Gesicht, das man lieb haben könnte. Ich denke an meine große Tochter. Sie studiert in einer anderen Stadt. Und ich bin hier. Was mache ich hier? 
Mein Kopf schmerzt und für kurze Zeit kommt mir mein Leben abhanden. Aus der Firma komme ich. Mir ist, als hätte ich heute nicht geschafft. Ich werde auch nicht jünger. 

Als ich heute Vormittag ins Büro kam, war die Stimmung etwas eigenartig. Am Empfang lachte mir der alte Heinrich entgegen, als habe er mich lange nicht gesehen. Vielleicht war er krank. Ich hatte das gar nicht bemerkt und sagte, dass ich mich freue, ihn wieder zu sehen. 
In unserem Großraumbüro war Trubel. Zwischen den Kollegen meiner Abteilung entdeckte ich zwei, drei Gesichter, die ich nicht kannte. Manche starrten mich erschrocken an, als hätten sie noch gar nicht mit mir gerechnet. Eine junge Frau stellte sich mir als Praktikantin vor. 
Davon hatte mich aber die Geschäftsleitung nicht unterrichtet. Da würde ich mich noch erkundigen müssen. Meine Sekretärin, Frau Kluge, kam mir freundlich entgegen: „Kommen Sie mit in die Küche, Chef. Der Kaffee ist gerade fertig“. „Guten Morgen, Frau Kluge. Das hört sich prima an“. Sie schloss hinter mir die Tür, goss Kaffee ein und zwinkerte mir verschwörerisch zu. 
„Was ist los?“, fragte ich und nahm einen Schluck aus der Tasse. 
„Wissen Sie denn nicht mehr, dass ...? gab sie zögernd zurück. 
„Was meinen Sie, Frau Kluge?“ 
„Nun, ......“, sie straffte sich und sah mich an. „Wir haben doch den Maler im Haus. Heute ist Ihr Büro dran. Ihr Computer ist heute nicht am Netz und die Möbel sind zugeklebt. Sie wollten sich den Tag frei nehmen und mit Ihrer Tochter und der Kleinen etwas unternehmen.“ 
Mein Gott, das hatte ich völlig verschwitzt. Deshalb auch die erstaunten Gesichter im Büro. Ich gab Frau Kluge noch ein paar Instruktionen und verabschiedete mich. Dennoch hatte das alles ganz schön lang gedauert. Es ist schon 15.00 Uhr. Wo ist die Zeit nur hin? 

Noch immer lacht mich dieses Mädchen aus der Zeitung an. Frau Kluge hatte von meiner Tochter gesprochen. Ihr war wohl nicht mehr bewusst, dass sich Nadine gerade auf ihr Examen vorbereitete. Schon seltsam. 
Über diesem Gedanken kündigt eine Stimme aus dem Bordlautsprecher der S-Bahn die Endstation an. Ich nehme die Brille ab und verstaue sie samt Zeitung in meinem Koffer. Aber das Bild dieses Kindes geht mir nicht aus dem Kopf. Die Bahn hält. Alle Fahrgäste steigen aus. 

Ich stehe auf dem Bahnsteig. Da ist wieder dieser Druck an den Schläfen. Ich wollte noch irgend etwas. Alle strömen dem Ausgang entgegen und scheinen ein Ziel zu haben. Meines hat sich plötzlich aufgelöst. Setz dich erst einmal hin, alter Junge, denke ich. Mir ist, als wären alle meine Gedanken im Abteil geblieben. Wenn ich noch einmal zurück gehe, fällt es mir vielleicht wieder ein. 
Doch schon tönt eine Ansage über den Bahnsteig, dass der Zug gleich zurück fährt. Der Zeitungsverkäufer preist den vorüber eilenden Passanten seine Zeitungen an. Irgendwo hinter mir ruft ein Kind nach seinem Großvater. Das Abfahrtssignal der S-Bahn meldet sich in den roten Leuchten über den Türen. Der Zeitungsverkäufer verstummt. Ach ja. Ich habe ja eine Zeitung. Ich nehme sie aus dem Koffer, setze die Brille und fange an zu blättern. 
Auf der Titelseite erschlägt mich das Fettgedruckte: 
Vermisste Melanie tot. Um Himmels Willen. Schon wieder. Zehn Jahre war sie. Dunkler Schopf, fröhliches Lachen auf dem Bild. Sie war von der Schule nicht nach Hause gekommen. Gestern fand man sie in einem Waldstück. 
„Hallo?“, höre ich es hinter mir fragen. Ich wende mich um. An der Bank steht ein Mädchen und sieht mich nachdenklich an. Sie hat blonde Haare, trägt eine Jeans und ein lustiges T-Shirt. Eine hübsche, kleine Dame. Aber ihre Augen scheinen traurig zu sein. 
„Hallo. Kann ich Dir helfen?“ Sie sieht mich an und setzt sich neben mich. Sie antwortet nicht und so frage ich weiter: 
„Was machst Du hier?“ 
„Ich warte auf meinen Opa.“ Sie mustert mich vorsichtig von der Seite, als erwarte sie eine Reaktion. 
„Bist Du alleine hier?“ 
„Ja. Ich hole ihn das erste Mal von der S-Bahn ab. Mama hat mich rechtzeitig losgeschickt.“ 
„Das kann aber gefährlich sein. Sprichst Du öfter fremde Leute an? 
„Nein. Eigentlich darf ich das nicht. Und was machst Du hier?“, fragt sie mich schließlich zurück. 
„Ich warte auch“ 
„Worauf?“ 
„Du bist aber neugierig. Wie heißt Du?“, lenke ich von mir ab. 
„Denise“. 
Und wie alt bist Du, Denise?“ 
„Acht“. 
„So! Da gehst Du also schon zur Schule?“ 
„Ja. In die zweite Klasse.“, gibt sie zurück, als ob ich das sehen müsste. 
„Kommt Dein Großvater jetzt von der Arbeit?“ 
„Nein ...“ Sie kommt ins Stocken und wird wieder traurig. Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen und etwas halten. Ich könnte sie vielleicht etwas ablenken und sehe mich um. 
„Du kannst doch schon lesen, oder?“ 
„Na klar.“ 
„Was steht da?“, frage ich und zeige auf das Schild über der Tür. 
Sie steht auf und folgt mit ihrem Blick meinem Finger und antwortet sofort: „Ausgang“. 
„Toll, und dort das Plakat“ 
„Das, wo die Schrift heller wird?“ 
„Ja“. 
Sie warten gerade auf die S-Bahn,“ liest sie deutlich betont. 
Sie wendet den Blick aber nicht ab, sondern liest langsam und etwas stockend noch den kleinen Untertitel: 
„Eine Aktion der Deutschen-Alzheimer-Gesellschaft“ 
„Wirklich prima,“ antworte ich. „Du kannst schon richtig gut lesen“ 
Sie sieht mich still an. Ihre kleine Hand greift nach meiner. 
„Ja, aber das weißt Du doch.“ Jetzt überrascht sie mich. 
„Frau Kluge hat angerufen und erzählt, dass Du heute in der Firma warst, in der Du mal gearbeitet hast. Ich habe Mama gesagt, dass ich Dich schon alleine vom Bahnsteig abholen kann. Aber jetzt möchte ich wieder nach Hause, Opa.“ 

 

 

 

zum Prosaportal

 

 

Gedichte von Holger

 

 

 

(zurück) zu Holgers Profil auf den Feiertagen der Eskimos